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Mann beim Ernten von Palmfrüchten

Schlechter Ruf

Palmöl ist in Verruf geraten. Doch ein Boykott des effizienten Agrar-Rohstoffs würde derzeit mehr Schaden als Nutzen bringen.

Butter galt lange Zeit als ungesunde „Cholesterinbombe“, während die rein pflanzliche Margarine hochgelobt wurde. Als bekannt wurde, dass Margarine durch die bei der chemischen Härtung entstehenden Transfettsäuren belastet ist, geriet auch sie in Verruf. Aus gutem Grund, denn diese Transfettsäuren in Backwaren, Fast-Food-Produkten und Frittiertem fördern nachweislich Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Seit Österreich für die überaus beliebte Lebensmittelzutat 2009 strenge Grenzwerte einführte, fand die Lebensmittelindustrie in Palmöl eine preisgünstige, transfettfreie Alternative. Doch mittlerweile reiht sich auch Palmöl ein in die Liste der Nahrungsfette, die als (potentiell) gefährlich und unerwünscht gelten. Palmöl steckt nicht nur in Kosmetika und Biodiesel, sondern in fast der Hälfte aller Speisen im Supermarkt. Nach dem heimischen Rapsöl ist es heute in der EU das am häufigsten konsumierte Pflanzenöl. Gewonnen wird das billige Öl aus der Frucht der überaus genügsamen Ölpalme. Die Plantagen befinden sich vor allem in Indonesien und Malaysia, wo die Produktion immer mehr zunimmt.

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Rodungen

Das hat Folgen für die Umwelt: Neu angelegte Palmöl-Plantagen zerstören unwiderruflich den Lebensraum zahlreicher Pflanzen - und Tierarten wie etwa Orang-Utans. Die Regenwald-Rodungen schaden dem globalen Klima, führen zu Landraub und zur Vertreibung indigener Völker. Menschenrechtsorganisationen prangern zudem die Arbeitsbedingungen und die Kinderarbeit bei großen Palmöl-Produzenten an. In Misskredit geraten ist der kostengünstige, leicht zu verarbeitende Rohstoff der Lebensmittelindustrie aber auch durch mögliche negative gesundheitliche Auswirkungen. Palmöl in seiner vitaminreichen Rohform ist in Südasien seit Generationen ein traditionelles Nahrungsmittel. In europäische Küchen gelangt es allerdings erst, nachdem man es zur Entfernung von Geruchs und Begleitstoffen raffiniert und physikalisch bleicht. So wird Palmöl geschmacks-neutral und gut haltbar. Wenn Palmöl in der Produktion stark erhitzt wird, können Glycidyl-Fettsäureester (kurz GE) und andere Verbindungen entstehen, die als krebserregend gelten. Das kann durch intelligente Produktionsmethoden allerdings minimiert werden. Eine Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zeigt, dass die Hersteller den GE-Gehalt in Palmfett zwischen 2010 und 2015 um die Hälfte reduzieren konnten. GE entsteht übrigens auch dann, wenn man sein Fleischstück mit zu hohen Temperaturen in der Pfanne brät. Dieser Vorgang läuft generell immer dann ab, wenn pflanzlichen Fette und Öle hoch erhitzt werden.

Das durch moderne Herstellungsmethoden weniger belastete Palmöl ist also anderen Pflanzenölen und Fetten nicht grundsätzlich unterlegen. Das bestätigt auch Dr. Regine Schönlechner vom Institut für Lebensmittel-technologie der Wiener Universität für Bodenkultur. „Butter zum Beispiel ist ernährungsphysiologisch weniger gesund als Palmöl“, so die Expertin. Dieses sei, wenn man es in Maßen genieße, keinesfalls ungesünder als andere Pflanzenöle. Vor allem gelte es, den Menschen und seine Ernährung immer in seiner Gesamtheit zu sehen. Fett kommt in unserer westlichen Gesellschaft durch Fleisch und gehaltvolle Milchprodukte ohnehin überreichlich auf den Tisch. Nicht Palmöl an sich ist also das Problem, sondern die Menge, in der dieses und vor allem Fett insgesamt verzehrt werden. „Ein Croissant hin und wieder oder ein Brot mit Schokoaufstrich, den das Palmöl so schön cremig macht, verkraftet ein gesunder Mensch problemlos“, erklärt Dr. Schönlechner, aber insgesamt sollte der Fettverzehr reduziert werden. Damit verringert man automatisch auch die Aufnahme von Palmfett. „Wer ausgewogen isst und möglichst frisch kocht, braucht sich keine Sorgen um ungesunde Fette und Öle zu machen“, fasst die Expertin zusammen.

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Genauer Blick

Wer seinen Palmöl-Konsum einbremsen möchte, weil dieser mit Umweltzerstörung und unfairen Produktionsmethoden zusammenhängt, sollte einen genauen Blick auf die Angaben auf der Lebensmittelverpackung werfen. Palmöl ist in zahlreichen Produkten enthalten – etwa in Tiefkühlkost und Fertiggerichten, in Schokolade, Gebäck, Keksen und Margarine oder in Schokoaufstrichen, Knabbergebäck und Müesli. Bemühungen um eine Nachhaltigkeitszertifizierung (RSPO), für die kein Urwald gerodet werden darf und die auch die Erntearbeiter vor gefährlichen Chemikalien schützt, wären angesichts dieser Fülle für die Konsumenten eine Orientierungshilfe. Doch bislang gibt es für nachhaltig erzeugtes Palmöl kein staatliches Siegel mit klaren Vorgaben. Ebenso wichtig ist der von Umweltinitiativen geforderte Verzicht auf Palmöl in Biokraftstoffen, die mittlerweile fast die Hälfte des in der EU verbrauchten Palmöls verschlingen. Palmöl gänzlich zu boykottieren, ist derzeit keine Alternative. Das bestätigt auch eine Studie des WWF. Der Ersatz von Palmöl durch vermehrten Anbau von Soja oder Kokos würde noch weit mehr Regenwald vernichten als die viel ertragreichere Ölpalme.

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Genügsame Pflanze

Palmöl wird aus den Früchten der Ölpalme gewonnen, die ursprünglich aus Westafrika stammt. Die bis zu 30 Meter hohe Pflanze bringt Fruchtstände hervor, die bis zu 50 Kilogramm schwer sind und bis zu 4.000 rote Früchte enthalten. Diese sind drei bis fünf Zentimeter groß und enthalten fast 50 Prozent Öl. Auch der harte Kern enthält einen hohen Anteil an Öl – das Palmkernöl. Die Ölpalme stellt wenig Ansprüche an die Bodenqualität und ist äußerst genügsam. Sie benötigt ausreichend Niederschlag und warme Temperaturen, die nicht allzu viel unter 15 Grad fallen sollten. Mittlerweile ist die Ölpalme über den gesamten Tropengürtel verbreitet. Ihre Hauptanbaugebiete liegen in Indonesien und Malaysia. Immer mehr kommerzielle Anbauflächen entstehen aber auch in Westafrika und Südamerika.

 

Dr. Regina Sailer

September 2018


Bilder: mauritius; privat

 


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Kommentar

Assoc. Prof. Dr. Regine Schönlechner „Das Hauptproblem bei Palmöl sind die problematischen Produktionsmethoden, nicht die Pflanze selbst.“

Assoc. Prof. Dr. Regine Schönlechner

Institut für Lebensmitteltechnologie, Universität für Bodenkultur, Wien

Zuletzt aktualisiert am 12. September 2018