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Frau liegt im Bett und schaut auf den Wecker

Vom Papyrus zur App

Die Periode – so natürlich sie zum Frauenleben dazugehört, so mythenbehaftet und tabuisiert war und ist sie. Das zeigt sich auch in der Monatshygiene. 

Noch in der Nachkriegszeit orderten Frauen verstohlen mit dem vorgedruckten Zettel einer Bindenfirma im Textilhandel eine neutrale Schachtel, damit keiner merkte, was da gekauft wurde. „Heute können wir nach Vorliebe und Umwelteinstellung zwischen Einwegartikeln und wiederverwertbaren Produkten verschiedener Größe, Materialien und Preisklasse wählen“, sagt Gynäkologin Julia Ganhör-Schimböck, Leiterin der Ambulanz für Dysplasien im Ordensklinikum Barmherzige Schwestern in Linz.

Vom natürlichen Umgang mit der Monatsblutung waren wir bis in die 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts weit entfernt. Die Geschichte der Monatshygiene ist vom weiblichen Rollenbild der Epoche und Kultur geprägt. Bis zum 20. Jahrhundert war etwa der Irrglaube weit verbreitet, dass sich Frauen während ihrer Tage nicht reinigen sollten, weil der natürliche Prozess durch jede äußere Einwirkung gestört werde.

Aus frühester Zeit gibt es Zeugnisse, dass Frauen Bast, Gras oder Fell verwendeten, um das Blut aufzufangen. Laut Hippokrates dienten im alten Griechenland in Leinen gewickelte Holzstäbchen und im alten Ägypten zusammengerollte Papyrusblätter als Tampon.

Im Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert hinein war es bei uns – vor allem auf dem Land – unüblich, Unterwäsche zu tragen. Frauen ließen das Menstruationsblut einfach abfließen. Später behalf man sich mit selbstgenähten Binden aus Stoffresten oder auch gestrickten Mehrwegbinden, die man mit Knöpfen an einem Monatsgürtel befestigte. Apropos: Noch heute ziehen sich Tuaregfrauen in Algerien während der Regel zurück, hocken über einem Erdloch, in das sie das Blut fließen lassen.

Ende des 19. Jahrhunderts kam der so genannte Diana-Gürtel mit waschbarer Einlage auf den Markt. Vertreterinnen der Frauenbewegung widersprachen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts dem bis dato propagierten krankhaften Zustand menstruierender Frauen. Die ersten Binden und Tampons, die in den 1950er Jahren aus Amerika kommend Europa eroberten, versprachen eine neue (Bewegungs-)Freiheit im Alltag. Dafür „müssen“ Frauen seither diskret, unsichtbar und unriechbar bluten. In Asien gibt es noch heute Binden in geräuscharmen Einzelverpackungen, damit die Frau in der Nachbartoilette nichts von der „Unpässlichkeit“ bemerkt. Auch die Menstruationstasse geht schon auf die 1930er Jahre zurück. Der damalige Kelch aus vulkanisiertem Gummi fand aber wenig Abnehmerinnen.

In den 1970er Jahren vervielfältigte sich das Produktangebot, und auch Slipeinlagen, die heute rund 40 Prozent der Frauen als Wäscheschutz tragen, kamen auf den Markt.

Mit der Umweltschutzbewegung wurden natürliche Alternativen, etwa Naturschwämme, Bio-Stoffbinden und auch Menstruationstassen bekannter.

„Eine Frau durchlebt etwa 400 Menstruationszyklen. Im Schnitt braucht sie 22 Tampons pro Blutung oder etwa 9.000 bis 17.000 Tampons oder Binden im Leben. Laut Umfragen benutzt rund die Hälfte der Frauen Binden, die andere Hälfte Tampons“, sagt Gynäkologin Ganhör-Schimböck. Im Schnitt fließen 60 bis 80 Milliliter Blut pro Regel. Mädchen, die zwischen 12 und 14 Jahren ihre erste Periode bekommen, greifen häufig zum Tampon, für den es auch Einführhilfen gibt, weil sie den Wunsch nach unsichtbarer Hygiene und Bewegungsfreiheit haben.

„Sollte der Rückholfaden reißen, kann der Tampon nicht verschwinden. Auch das Jungfernhäutchen bleibt durch die Verwendung eines Tampons unversehrt. Es ist durch die erfolgte Östrogenisierung bereits weich, dehnbar und wird nicht verletzt“, kann die Gynäkologin diesbezügliche Ängste zerstreuen. 

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Infektionsgefahr

Wer Tampons zu oft wechselt, kann die Schleimhaut am Scheideneingang reizen, was zu Schmerzen führen kann. Wer andererseits zu lange wartet, erhöht die Infektionsgefahr. Die Menstruationstasse ist vielleicht für „ungeübte“ Teenager nicht so geeignet, weil sie ihren Körper noch nicht so gut kennen.

Zur Intimhygiene braucht es regelmäßiges Waschen mit Wasser. Intimsprays oder desinfizierende Lotionen sind nicht notwendig, sondern schaden eher. Die Schleimhaut des Intimbereichs ist von Mikroorganismen besiedelt, die für einsaures Milieu zum Schutz vor Keimen sorgen. 

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Wissenswertes

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Vom Tampon zum Slip


Tampon:

Sein Wirkprinzip entspricht einer Drainage, die Flüssigkeit in der Scheide auffängt. Wer Nachhaltigkeit schätzt, kann Tampons aus Bio-Baumwolle, chlorfrei gebleicht, ohne synthetische sowie chemische Zusatz- oder Duftstoffe erwerben. Auch auswaschbare sind auf dem Markt.

Man kann mit Tampons schwimmen gehen und sporteln. Bewegung ist sogar zu empfehlen, weil sie die Durchblutung fördert und Krämpfe lindert. Nach dem Schwimmen Tampon wechseln. Immer den kleinstmöglichen Tampon für die individuelle Blutungsstärke wählen und alle vier bis acht Stunden wechseln. „Auch wenn ich es bei den modernen Produkten für sehr unwahrscheinlich halte, werden Tampons mit dem toxischen Schocksyndrom TSS in Verbindung gebracht. Die Bakterien-Infektion kann zu Sepsis mit Organversagen führen. Durch zu langes Tragen des Tampons kann das gefährliche Bakterium von der Vaginalschleimhaut aufgenommen werden. Die heutigen Tampons sind nicht mehr aus synthetischen Materialien und die Infektionsgefahr ist sehr gering“, sagt die Gynäkologin.

 

Binde: 

Der Innenteil ist aus Zellstoff, häufig durchmischt mit einem „Ultrakern“, kleinen Kunststoffkristallen mit hoher Saugkraft. Je dünner die Binde, desto saugfähiger der „Ultrakern“. Die äußere Hülle besteht meist aus Vlies oder Kunststoff. Wenn synthetische Duftstoffe oder geruchshemmende Stoffe enthalten sind, können diese bei geringer Luftdurchlässigkeit zu Schleimhautreizungen oder Pilzinfektionen führen. In Reformhäusern gibt es auch ungebleichte Wegwerfbinden, die biologisch abbaubar sind, und auch wiederverwendbare aus Bio-Baumwolle oder unbehandelter Seide.

 

Menstruationsschwämmchen (Levantiner Schwämmchen): 

Sie sind weich und anpassungsfähig. Bei starker Regel kann man auch zwei nacheinander einführen. Sind sie vollgesaugt, müssen sie unter fließendem Wasser ausgewaschen und können dann wieder eingeführt werden. Die Schwämme sind ein reines Naturprodukt und können über mehrere Monate immer wieder verwendet werden. Nach Ende der Menstruation das Schwämmchen gut auswaschen, eine Nacht lang in Essigwasser einlegen, um Keime abzutöten, und austrocknen lassen.

 

Menstruationstasse (Menstasse, Menstruationskappe oder -becher): 

Das kelchähnliche Produkt aus medizinischem Silikon wird zusammengefaltet wie ein Tampon eingeführt. Im Inneren entfaltet sich die Tasse und fängt das Blut auf. Ein kleiner Gummistutzen am Ende dient als Ein- und Ausführhilfe. Die Tasse – in verschiedenen Größen erhältlich – wird von der Scheidenmuskulatur sowie dem Unterdruck gehalten. Nach dem Ausführen wird sie geleert, mit Wasser ausgewaschen und wiederverwendet. Am Ende der Periode wird sie abgekocht beziehungsweise sterilisiert.

 

Waschbarer Slip:

Ob THINX, die saugstarken Slips, die kürzlich in den USA auf den Markt gebracht worden sind, sich durchsetzen können, wird sich zeigen. Vier dünne, in der Unterhose enthaltene Schichten saugen das Regelblut auf – ungefähr die Menge, die zwei Tampons aufnehmen können. Die Haut fühlt sich dabei trocken an. Die Unterhosen sind derzeit in Österreich nur online zu beziehen.

 

Looncup: 

Die jüngste Errungenschaft soll bald in den USA auf den Markt kommen. Looncup ist eine Menstruationstasse mit elektronischem Chip. Sie misst Farbe und Menge des Tasseninhalts und meldet der Benutzerin über ihr Smartphone per App, wann die Tasse entleert werden soll.



Mag. Christine Radmayr

August 2018

 

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Kommentar 

Vom Papyrus zur App Dr. Julia Ganhör-Schimböck Kommentarbild „Frauen können heute je nach Einstellung und Vorliebe zu Einwegartikeln greifen oder wiederverwertbare natürliche und umweltschonende Produkte wählen.“

Dr. Julia Ganhör-Schimböck

Gynäkologin im Ordensklinikum Barmherzige Schwestern, Linz



Bilder: shutterstock; privat


Zuletzt aktualisiert am 31. August 2018