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My life in den Sand geschrieben

Lebenssinn: Lernen, die tiefsten Sehnsüchte zu entdecken und danach zu leben

Ein zufriedenes Leben stellt sich nicht von selbst ein. Wer es leid ist, nur noch zu funktionieren, dem kann es helfen, sich über seine Sehnsüchte klar zu werden. Möglicherweise erkennt er dabei sogar den Sinn seines Lebens und entgeht dem Hamsterrad mitsamt seinen unerfreulichen Folgen.

Burnout ist ein schleichender Prozess. Man arbeitet, funktioniert, schleppt sich über die Ziellinie, um am nächsten Morgen wieder ins Hamsterrad zu steigen. Man ist unzufrieden, frustriert, gelangweilt, hält keinerlei Stress mehr aus. Tag für Tag, Jahr für Jahr laufen nach diesem Schema ab. Irgendwann tritt Erschöpfung ein, in vielen Fällen begleitet von psychischen Erkrankungen.

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Leben im Hamsterrad

Fühlt man sich wie in einem Hamsterrad – man läuft und läuft und kommt nirgends an – so sollte man beizeiten stehen bleiben und sich vor Augen führen, was man da all die Jahre macht und wie lange man das wohl noch machen kann, bis man zusammenbricht. Auf der Suche nach einer Alternative kann es helfen, zu erforschen, welche ungelebten Sehnsüchte in einem schlummern.

Eine Sehnsucht ist eine grundlegende, innere Kraft. „Sie ist das, was in uns drängt, Wirklichkeit zu werden, sich zu entfalten und gelebt zu werden. Oft äußert sie sich im Begehren, intensiver, tiefer zu leben“, sagt Mag. Christoph Schlick, Logotherapeut und Gründer des SinnZENTRUMs Salzburg.

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Ungelebte Sehsüchte erkennen

Um eine Sehnsucht zu erkunden, muss man mutig genug sein, um wirklich in die Tiefe zu fühlen. Dazu muss man innehalten, in die Stille gehen und sich Fragen stellen, wie: Was ist wirklich wichtig für mich? Was kommt tatsächlich aus mir selbst und was ist von außen an mich herangetragen, durch die Familie, Erziehung, Gesellschaft? Was tue ich den ganzen Tag über? Was ist wirklich meins?

Sehnsüchte sind nicht stabil, sie können sich im Laufe des Lebens durchaus verändern. Dennoch ist die Kindheit, selbst wenn sie schon lange hinter einem liegt, ein guter Zugang, um seinen Sehnsüchten auf die Spur zu kommen. Nützliche Fragen für die Spurensuche sind: Wovon träumte ich als Kind? Was wollte ich unbedingt werden? Was wurde mir verboten, abgewöhnt?

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Sehnsucht nicht ignorieren

„Eine Sehnsucht weist uns daraufhin, dass die Seele etwas einfordert, dass sie etwas erleben, erfahren möchte. Man sollte das nicht ein Leben lang ignorieren und man kann es auch nicht. Um dem Leben einen Sinn zu geben, um Zufriedenheit und vielleicht sogar Glück zu erlangen, sollte man sich seinen Sehnsüchten nicht verschließen. Wir sind am Leben, um es und uns auszuprobieren. Man sollte sich seinen Sehnsüchten stellen und sich um ihre Umsetzung bemühen im Wissen, dass es auch schiefgehen kann. Fehler dürfen sein, sie gehören dazu. Keine Angst sollte uns hindern, unser mögliches Potential auszuschöpfen und dazu bedarf es eben einer Berücksichtigung unserer Sehnsüchte“, sagt Mag. Schlick.  

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Veränderung als Hürde, die man nehmen muss

Wenn man sich entschließt, einer lange verdrängten Sehnsucht nun doch zu folgen, geht das nicht ohne Veränderungen. Doch diese bereiten häufig Angst und Abwehr und stellen damit Hürden dar. Veränderung findet meist erst dann statt, wenn man ihre Notwendigkeit nicht nur geistig erkennt, sondern sie auch drängend fühlt. Ein solches Gefühl wird immer auch auf körperlicher Ebene spürbar. Ein typisches Beispiel sind Schmerzen. Erst wenn es im Kreuz wehtut, weil man all die Jahre krumm gesessen ist, dann ist man irgendwann soweit, dass man das ändern will. Das reine Wissen darum, dass eine korrekte Körperhaltung besser wäre, reicht dafür nicht aus. Erst wenn man es fühlt, besteht reale Aussicht, das Verhalten auch tatsächlich zu ändern. „Ähnlich ist es mit seelischen Veränderungen. Fühle ich die Sehnsucht, dann erst kann ich die Veränderungen in Angriff nehmen. Der Kopf alleine reicht dafür nicht aus“, sagt Mag. Schlick.

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Übergänge als Zeiten der Sinnsuche

Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich meist in Zeiten eines Übergangs. Übergänge sind Zeiten, in denen viel positives Potential liegt und in denen man sich die großen Fragen stellt. Fragen, wie: Was ist mir wirklich wichtig? Was will ich noch im Leben? Übergange finden während der gesamten Lebensspanne statt. Typische Übergänge sind, wenn man von der Arbeit in den Ruhestand wechselt, der Arbeitsplatz verloren geht, die Partnerschaft zerbricht, die Kinder mit der Ausbildung fertig werden und das Elternhaus verlassen. Einen Übergang erleben viele Menschen auch in der Lebensmitte, der Zeit der sogenannten Midlifecrises, wenn das fortschreitende Alter seine ersten Spuren in den Körper formt und die verbleibende Lebensspanne vermutlich kürzer ist als die zurückgelegten Jahre. „Damit man Zeiten des Übergangs gut meistert, empfiehlt es sich, nicht darauf zu warten, bis sie da sind, sondern immer wieder sein Leben zu reflektieren, bewusst Pausen der Betrachtung einlegen, Zwischenbilanz zu ziehen“, rät Mag. Schlick.

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Gesundheit und Lebenssinn

Gesundheit und Krankheit sind fast immer ein Wechselspiel aus Körper und Psyche, die sich stets gegenseitig beeinflussen. Lebt man viele Jahre lang entgegen seiner Bestimmung, ignoriert man sein Leben lang die innere Stimme, die einem sagt, was für einen gut und schlecht ist, schadet man langfristig auch seiner Gesundheit. „Die Wahrscheinlichkeit, ein gesundes Leben zu führen steigt, wenn man die tiefsten Sehnsüchte lebt, anstatt sie ewig zu verdrängen. Menschen, die eine schlimme Diagnose erhalten, sagen oft, dass sie die Anzeichen sehr wohl bemerkt haben, dass sie schon seit Jahren wussten, dass sie ihr Leben ändern sollten. Ihr Gespür, ihr Bauchgefühl hat sehr wohl Signale gesandt, doch sie wollten sie nicht hören“, sagt Mag. Schlick. Umgekehrt gilt: Wer ein Leben lebt, das er bejahen kann, das seine Anlagen und Sehnsüchte berücksichtigt, erhöht die Wahrscheinlichkeit einer guten Gesundheit.

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Aufgaben und Sinn

Jeder Mensch möchte eine Aufgabe finden, die seinem Leben einen erkennbaren Sinn gibt. Das bedeutet aber nicht, dass die Aufgabe spektakulär sein muss, nicht jeder muss ein Held sein oder reich und berühmt. Mag. Schlick: „Oft ist es eine soziale Aufgabe, ein sich Einbringen in die Gemeinschaft, die Befriedigung und Erfüllung bringt. Man darf eine Aufgabe auch nicht überbetonen und sich darauf fixieren. Alles Übermäßige ist kontraproduktiv, das betrifft auch die Suche nach der Aufgabe und dem Lebenssinn.“

Sinn erleben wir vor allem in Beziehung zu anderen. Und genau dieser Umstand macht es in Zeiten der Individualisierung manchen Menschen schwer, Sinn zu erkennen, da sie eben kaum noch tiefere Beziehungen zu anderen eingehen. Tiefe Beziehungen entstehen vorwiegend durch persönlichen Kontakt und kaum durch virtuelle „Freundschaften.“

Sinn erfährt man abseits aller Träumereien vor allem in den Dingen, in dem, was man ständig macht. Daher ist es wichtig, die richtigen Dingen zu tun, die, die einem erfüllen und richtig und wichtig erscheinen. Es kommt aber nicht nur darauf an, was man macht, sondern auch, dass man es bewusst erlebe, was man tut. Erst dieses bewusste Erleben lässt uns das spüren, was man ein erfülltes Leben nennen kann.


Dr. Thomas Hartl

Juli 2018

 

Bild: shutterstock

Zuletzt aktualisiert am 06. Juli 2018