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Frau wird vom Arzt untersucht

Grundlos müde und mehr Kilos auf der Waage – Schilddrüse abklären lassen

Wenn der Stoffwechsel verlangsamt abläuft, zeigt sich das zum Beispiel im Antrieb und der Leistungsfähigkeit. „Bei Patienten, die über Müdigkeit, allgemeine Schwäche, depressive Verstimmung, Konzentrationsstörung und Gewichtszunahme ohne erkennbaren Grund klagen, an eine Unterfunktion der Schilddrüse denken“, sagt die Fachärztin für Nuklearmedizin Dr. Larisa Imamovic vom Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern.

Eine Unterfunktion der Schilddrüse, die so genannte Hypothyreose, wird bei Frauen zehn bis fünfzehn Mal häufiger diagnostiziert. Die Nuklearmedizinerin Imamovic sagt: „Sechs bis acht Prozent der Erwachsenen, mit zunehmendem Alter mehr, leiden daran. Ein bis zwei Prozent davon haben eine Autoimmunerkrankung, genannt Hashimoto Thyreoiditis, eine langsame Zerstörung von Schilddrüsengewebe, die durch eine Entzündung verursacht ist, und zur Unterfunktion führt.“

Das schmetterlingsförmige Organ in unserem Hals ist der Motor unseres Stoffwechsels. Die Schilddrüse produziert die Hormone Thyroxin (T4) und Trijodtyronin (T3), welche diverse Stoffwechsel-, Wachstums- und Entwicklungsprozesse beeinflussen. Die Regulation der Ausschüttung dieser Hormone passiert im Hypothalamus und der Hypophyse über das Hormon TSH (schilddrüsenstimulierendes Hormon). Werden viele Schilddrüsenhormone gebraucht, steigt das TSH an. Man spricht von euthyreoten Stoffwechsellage, wenn sich genügend T4 und T3 im Blut befinden, und der TSH-Wert im Normbereich liegt. 

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Labor und Ultraschall zur Diagnose

Wenn das TSH über den Normwert ansteigt, werden von der Schilddrüse zu wenige Hormone gebildet. Daher zeigt der überhöhte TSH-Wert eine sich entwickelnde Schilddrüsenunterfunktion an. Sind die Werte für T4 und T3 noch in der Norm und ist lediglich der TSH-Wert erhöht, spricht man von einer subklinischen oder latenten Unterfunktion. Wenn auch diese Werte sinken, hat man es mit einer manifesten Hypothyreose zu tun.

Besteht der Verdacht auf eine Autoimmunerkrankung, helfen die Werte der zwei Antikörper TAK und TPO, diese zu bestimmen. „Neben Labor und Ultraschall ist die Szintigraphie-Untersuchung ein Diagnoseinstrument. Mit letzterer Methode lassen sich heiße oder kalte Knoten in der Schilddrüse differenzieren“, erklärt Dr. Imamovic.

Bei der Szintigrafie wird eine radioaktive Substanz in die Vene gespritzt. Anhand der Verteilung der Radioaktivität, die sich in ausgewerteten Bildern zeigt, kann man sagen, ob ein Knoten kalt (er zeigt wenig Aktivität im Szintigramm) oder heiß (er zeigt sehr starke Aktivität) ist. „Heiße Knoten können bei jeder Art der Fehlfunktion auftreten. Schilddrüsenknoten sind in der Regel gutartig, nur etwa drei bis zehn Prozent der kalten Knoten beim Erwachsenen sind bösartig. Wenn sie größer sind als ein Zentimeter und sonografisch auffällig werden sie in der Regel biopsiert. Unter den heißen Knoten findet man äußerst selten bösartige Tumore“, sagt die Nuklearmedizinerin und meint, dass sich im Rahmen einer Unterfunktion und der angeheizten Aktivität in der Schilddrüse, Gewebe knotig umwandeln kann. „Mehr als 30 Prozent der Österreicher haben einen Knoten, die wie gesagt in der Regel gutartig sind“, sagt Dr. Imamovic. 

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Angeboren oder erworben

Eine Unterfunktion kann angeboren sein, etwa wenn die Schulddrüse verkümmert angelegt ist oder sich nicht weiterentwickelt hat (Schilddrüsenhypoplasie) oder wenn zum Beispiel durch einen Jodmangel, eine unbehandelte Unterfunktion der Mutter in der Schwangerschaft oder durch eine thyreostatische Medikation die Schilddrüse des Ungeborenen geschädigt wird. Im überwiegenden Fall ist die Hypothyreose aber erworben. Ursachen:

  • Hashimoto thyreoiditis: Sie ist der häufigste Grund für eine Unterfunktion und nach dem japanischen Arzt Hakaru Hashimoto, der 1912 diese Erkrankung erstmals beschreiben hat, benannt. Bei diesem Autoimmunprozess wird die Schilddrüse vom Immunsystem irrtümlich als fremd erkannt und mit Antikörpern zerstört. Im Lauf der Jahre entwickelt sich eine Unterfunktion, im Anfangsstadium kann es kurzzeitig zu einer Überfunktion kommen. Manche Patienten sind trotz chronischer Immunthyreoiditis beschwerdefrei, andere klagen noch bei relativ guter Hormonlage über Symptome. Zu den häufigsten gehören: unerklärliche Gewichtszunahme, Kälteempfindlichkeit, Müdigkeit, Haarausfall, Zyklusstörungen, Libidoverlust, Verstopfung, Leistungsabfall, depressive Verstimmung. Die Symptome können, müssen aber nicht, vorkommen und sind unterschiedlich ausgeprägt. Die Hashimoto-Erkrankung tritt familiär gehäuft auf und kann auch durch Stress, bei dem der Organismus mehr Schilddrüsenhormone benötigt, ausgelöst werden. „Menschen mit Hashimoto thyreoiditis haben ein höheres Risiko für eine weitere Autoimmunerkrankung wie etwa die Weißfleckenkrankheit Vitiligo, Zöliakie oder eine chronisch entzündliche Darmerkrankung“, erklärt die Nuklearmedizinerin.
  • Folge medizinischer Maßnahmen wie etwa der Entfernung der Schilddrüse, Bestrahlung der Halsregion bei Krebs, Radiojodtherapie etc.
  • Symptom einer Störung in der Hypophyse
  • Schilddrüsentumor
  • Unterversorgung mit Jod. Seit der Jodierung von Speisesalz ist dieser Grund für „Kröpfe“ in Österreich aber stark zurückgegangen.

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Vielfältige, oft unspezifische Symptome

Die Anzeichen sind individuell sehr unterschiedlich. Hier die häufigsten, die genannt werden: allgemeine Schwäche, rasche Ermüdbarkeit, verminderte Leistungsfähigkeit, Teilnahmslosigkeit, erhöhtes Schlafbedürfnis, Gedächtnisstörungen, Depressivität, Reizbarkeit, Herz-Kreislauf-Probleme wie verlangsamter Herzschlag oder/und niedriger Blutdruck, häufiges Frieren, fehlendes Vermögen zu schwitzen, Gewichtszunahme, Verstopfung, raue, trockene und schuppige Haut, brüchige Haare, Haarausfall, tiefe raue Stimme, Schwellung der Augenlider durch Flüssigkeitseinlagerung, erhöhter Cholesterinspiegel, Fruchtbarkeitsprobleme, sexuelle Lustlosigkeit. „Nicht selten werden, vor allem Frauen, dank der Symptome längere Zeit unter anderem mit Antidepressiva behandelt, bevor man draufkommt, dass es sich um eine Unterfunktion der Schilddrüse und nicht um eine psychische Erkrankung handelt“, erklärt die Linzer Nuklearmedizinerin. 

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Wirkungsvolle Substitutionstherapie

Mitentscheidend für die Therapie ist neben den Untersuchungsergebnissen der subjektive Leidensdruck. „Auch wenn noch genügend Hormone produziert werden, man im Ultraschall und laborchemisch aber schon eine Entzündung zu erkennen ist, und der Patient, die Patientin in ihrem Alltag beeinträchtigt und müde ist, werden schon Medikamente verordnet. Bald fühlen sich die Betroffenen den Anforderungen wieder gewachsen und leistungsstark“, sagt Oberärztin Imamovic.

Die Behandlung ist eine Substitutionstherapie, das heißt, dass fehlende Schilddrüsenhormone medikamentös ersetzt werden. Die Einnahme erfolgt unter Kontrolle meist ein Leben lang. Meist wird Levothyroxin, das wie körpereigenes T4 wirkt, gegeben. Der Körper kann es in T3 umwandeln. Hat er diese Fähigkeit nicht, werden Kombipräparate verordnet, die T4 und T3 ersetzen. Die Therapie ist nebenwirkungsarm. „Manche Patienten berichten über Heißhungerattacken, vornehmlich bei der Einnahme eines Kombimedikamentes“, sagt die Fachärztin.

Bei guter Einstellung wird ein Mal jährlich kontrolliert, ob die Dosierung noch passt. Bei einer Hashimoto thyreoiditis soll zusätzlich kein Jod zugeführt werden, weil das die Situation eher verschlimmert. 

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Besondere Begleitung in der Schwangerschaft 

Eine Ausnahme stellt die Schwangerschaft dar. Im ersten Schwangerschaftsdrittel steigt der Bedarf an Schilddrüsenhormonen an. Ab der 10. bis 12. Woche nimmt die kindliche Schilddrüse im Mutterbauch dann die Produktion der Hormone auf. Sie ist schon in der Lage Jod aufzunehmen und Schilddrüsenhormone auszuschütten. Daher steigt auch der Jodbedarf in der Schwangerschaft. Die Jodzufuhr von rund 200 Mikrogramm täglich und eine gute Stoffwechsellage sind für die normale körperliche und geistige Entwicklung des Fötus unbedingt notwendig. Daher können Schwangeren ärztlich kontrolliert, als Ausnahme der Regel, auch Jodpräparate bei Unterfunktion verordnet werden.

 

Mag. Christine Radmayr

Juni 2018


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 15. Juni 2018