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Senioren trinken Wein und essen Salat

Wie altern ?

Achtzig ist für viele das neue Sechzig, Sechzigjährige sind heute so fit wie früher Menschen im Alter vonvierzig. Für viele Menschen hat das Altern seinen Schrecken verloren. Denn wie gut es uns in späteren Jahren geht, können wir selbst beeinflussen: durch Bewegung, Ernährung und die richtige Einstellung im Kopf.

„Hochverehrter Greis!“ Mit diesen Worten soll sich der Rektor der Universität Königsberg im Jahr 1774 bei einer Feierstunde an Immanuel Kant gewandt haben. Der Philosoph war damals 50 Jahre alt und galt tatsächlich schon als Greis. Eine derartige Anrede an einen 50-Jährigen taugt heute höchstens als Scherz, gelten Menschen, die ein halbes Jahrhundert alt sind, doch als beginnende „Best Ager“ oder „Golden Ager“, die mitten im Leben stehen und die besten Zeiten noch vor sich haben. Immer häufiger wird das Alter nicht mehr mit Lehnstühlen, Rollatoren und Gebrechen in Verbindung gebracht, sondern mit neuen Chancen und mehr Lebenszufriedenheit. „Nach wie vor ist die Sorge, dement, gebrechlich und abhängig zu werden, eine der größten Sorgen der Menschen“, sagt Ao. Univ.-Prof. Dr. Franz Kolland, Soziologe und Gerontologe am Institut für Soziologie der Universität Wien. „Doch die Thematik hat sich nach hinten verschoben. Probleme, die früher Menschen mit 65 Jahren betrafen, gelten heute für 85-Jährige.“ Das lässt sich auch aus Statistiken ablesen: Pflegeleistungen beziehen hauptsächlich Menschen ab 85 Jahren.

An ein solch hohes Alter war lange Zeit in der Geschichte der Menschheit überhaupt nicht zu denken. Steinzeit-menschen etwa wurden im Schnitt nur 20 Jahre alt, Römer und Griechen immerhin „schon“ 25 Jahre. Im Mittelalter betrug die durchschnittliche Lebenserwartung 37 Jahre. Deutlich aufwärts ging es gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit der industriellen Revolution. Schwere körperliche Arbeit nahm ab, medizinische Versorgung verbesserte sich. Heute liegt die durchschnittliche Lebens-erwartung in Österreich für Männer bei 78 Jahren, für Frauen bei 83,3 Jahren. Am 1. Jänner 2017 lebten in Österreich 1.148 Menschen, die mindestens 100 Jahre alt waren. Alt zu werden ist längst nicht mehr das Thema, das Menschen umtreibt. Vielmehr geht es darum, möglichst gut und gesund zu altern. „Das Interesse daran hat in den letzten drei, vier Jahren massiv zugenommen, und es ist überhaupt das Thema der Zukunft“, meint Professor Dr. Sven Voelpel, Altersforscher an der Jacobs University Bremen, der auch den Bestseller „Entscheide selbst, wie alt du bist“ (Rowohlt Verlag) geschrieben hat.

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Aktiv genießen

Ursachen dafür sieht er einige: „Immer mehr Menschen haben keine Kinder, die sie eventuell pflegen könnten. Sie müssen also für sich selbst sorgen. Zudem ermöglicht die verstärkte Transparenz, sei es bei Nahrungsmitteln oder Medikamenten, mehr Informationen, die mündige Bürger zu nutzen wissen.“ Und schließlich herrscht zunehmend so etwas wie ein gesunder Egoismus vor: Die Kinder sind aus dem Haus, das Eigenheim ist abbezahlt; Pensionisten denken nicht daran, die letzten Lebensjahre im Lehnstuhl zu verbringen, sondern wollen das Leben aktiv genießen. 

Aber wie kommt man nun fit und gesund ins hohe Alter? Gleich eines vorweg: Ein allgemein gültiges Patentrezept gibt es nicht (siehe Kasten). Doch es gibt auch keinen Grund dafür, sich auf die Gene, in denen ohnehin alles festgelegt sei, auszureden. Die Wissenschaft geht davon aus, dass der Alterungsprozess zu zehn bis 30 Prozent genetisch festgelegt ist, der Rest kann beeinflusst werden. „Das eigene Verhalten ist am wichtigsten“, sagt Voelpel. „Man kann dadurch Lebensjahre gewinnen: 18 Jahre, wenn man nicht raucht; zehn Jahre, wenn man nicht oder nur moderat trinkt. Auch eine positive Einstellung zum Leben schlägt mit 7,5 zusätzlichen Jahren zu Buche.“ Den größten Anteil macht mit rund 60 bis 70 Prozent gesunde Ernährung aus.

Manche haben Glück und sind im Alter nur wenig beeinträchtigt. Andere treffen gleich mehrere Wehwehchen gleichzeitig. Grundsätzlich aber gilt, dass kein Körperteil vom Altern ausgenommen ist. Je älter man wird, desto stärker nimmt die Fähigkeit der Augen ab, sich an kurze Entfernungen anzupassen (Altersweitsichtigkeit).Auch das Hörvermögen wird schlechter, es fällt Menschen schwer, hohe Töne zu hören. Da die Anzahl der Sinneszellen auf der Zunge und in der Nase abnimmt, verschlechtert sich das Geschmacksempfinden. Alte Menschen empfinden Speisen oft als „fad“, wenn sie nicht stark gewürzt sind.

Vom Abbau betroffen ist auch die Substanz der Knochen. Sie sind im Alter weniger stabil und können leichter brechen. Dass die Haut schlaff wird und Falten wirft, liegt an geringeren Proteinfasern, weniger Wasser und einem Rückgang des Unterhautfettgewebes.

Härter als der körperliche Verfall trifft aber viele Menschen der geistige Abbau. Doch hier gibt es eine gute Nachricht: Das Gehirn kann auch noch im hohen Alter trainiert werden. Und es soll sogar in Anspruch genommen werden. „Lebenslanges Lernen ist notwendig, der Mensch ist dazu auch wirklich ausgestattet“, sagt Soziologe Kolland. Er erinnert an das Alter vor einigen Jahrzehnten: Nach der Pensionierung richteten sich die Menschen noch auf ein paar ruhige Jahre Lebenszeit ein, aber die wenigsten rechneten damit, dass noch ein völlig neuer Lebensabschnitt vor ihnen liegen könnte. „Heute haben viele Menschen nach dem Ende ihrer aktiven Berufszeit noch 20 bis 30 Jahre vor sich. Es ist nicht zielführend, wenn ein 65-Jähriger erklärt, das Internet sei nichts mehr für ihn“, sagt Kolland. Denn wer sich nicht weiterbilde und politische wie gesellschaftliche Probleme ausblende, der gerate womöglich in Isolation und Verunsicherung.

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Zufriedenheit

Zeit haben die „neuen Alten“ ja – und in vielen Fällen auch Muße und Gelassenheit. Das persönliche Glücksempfinden von Menschen verläuft nämlich wie ein „U“, sind Forscher überzeugt. Mehrere Studien zeigen, dass junge Erwachsene ungefähr bis zum Alter von 20 bis 30 Jahren mit ihrem Leben zufriedener sind als jene im Alter zwischen 30 und 60. Danach steigt die Zufriedenheit wieder an. Die Erklärung: Junge Menschen sind der Ansicht, ihnen stehe die Welt offen, sie könnten alles schaffen, Probleme sind meist noch weit weg. Sie treten dann in Form von erhöhter Verantwortung und oft auch ökonomischem Druck später auf. Im fortgeschrittenen Alter kommt bei vielen die Gelassenheit: Sie wissen viel eher, was ihnen im Leben wichtig ist. Das ist nicht nur das Ergebnis von viel Erfahrung, die man im Laufe des Lebens sammelt. Es wächst auch die Erkenntnis, dass das Leben nicht (mehr) unendlich vor einem liegt und man die Zeit nutzen soll. Für viele Menschen stellt sich im Alter auch noch einmal die Frage: Soll ich umziehen oder in meiner bisherigen Umgebung bleiben. Oft sind die Kinder aus dem Haus, auch die Bindung an einen fixen Arbeitsplatz fällt weg, man könnte also seine Zelte nochmal wo neu aufschlagen und auch damit sein letztes Lebensdrittel „optimieren“. Auch diesbezüglich gibt es keinen Pauschaltipp, der für alle Menschen gleichermaßen gelten würde. Altersforscher Voelpel weist auf die „hohe Langlebigkeit in Kleinstädten“ hin. Es herrsche dort weniger Stress als in Großstädten, aber die medizinische Versorgung sei mit einem Krankenhaus besser als am Land.

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Familienverband

Viele der ältesten Menschen der Welt leben in einem Familienverband (siehe Kasten). Allerdings ist dies vor allem in Großstädten kaum noch Usus oder möglich. „Alles, was sozial ausgerichtet ist, ist günstig“, meint Kolland. Doch es müssen nicht immer Familienmitglieder sein, auf die man sich verlässt. Auch gute Freundschaften bilden einen sozialen Schutzraum. Kolland: „Man kann sich austauschen, bekommt Informationen, hat emotionale Ansprache.“ Der Experte rät davon ab, alleine zu leben, wenn man pflegebedürftig ist: „Im Pflegeheim und einer betreuten Einrichtung haben Menschen mehr Ansprache.“

Optimal wäre für Männer, die alt werden wollen, übrigens das Kloster. In der sogenannten Klosterstudie zeigt sich, dass männliche Ordensmitglieder im Schnitt einige Jahre länger leben als Männer außerhalb der Klostermauern, während die Lebenserwartung von Nonnen nicht so deutlich über jener der weiblichen Gesamtbevölkerung liegt. Für Wissenschafter ist das ein Hinweis, dass auch Männer länger leben könnten, wenn sie weniger Stress und stattdessen einen geregelten, risikoarmen Tagesablauf hätten.

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Warum wir nicht ewig leben

Mal muss bröckelnder Putz erneuert werden, irgendwann ist ein neues Dach nötig. Wenn die Wasserleitung leckt, wird sie ausgetauscht, dann geht es wieder. Kurzum: Wird ein Haus gepflegt und immer wieder repariert, so kann man Jahrhunderte drin wohnen. Warum, so fragen sich nicht nur Wissenschafter, ist „ewiges Leben“ also nicht auch beim Menschen möglich – wenn er keine schwerwiegenden Krankheiten hat und ab einem bestimmten Alter regelmäßig „gewartet“ wird. Es gibt keine eindeutige und klare Antwort darauf, nur viele Theorien. Sicher ist, dass der Todeszeitpunkt eines Menschen nicht genetisch festgelegt ist. Die „Verschleißtheorie“ (oder „Fehlertheorie“) nach den Überlegungen des amerikanischen Genetikers Raymond Pearl (1879–1940) geht davon aus, dass jede Aktivität von Organen wie überhaupt jeder körperliche Vorgang zu Verschleiß führt. In jungen Jahren können sich die Zellen noch regenerieren, jeden Tag verschwinden rund zehn Milliarden verbrauchter oder defekter Zellen und es entsteht Platz für neue. Doch diese Fähigkeit lässt mit der Zeit nach. Daher tauchen nicht nur graue Haare und Falten auf, der Körper kann sich zudem nicht mehr so gut gegen Krankheiten wehren. Irgendwann kollabiert das System, der Mensch stirbt.

Anhänger der „Programmtheorie“ – oder „Hayflick-Theorie“, benannt nach dem 1928 geborenen US-Gerontologen Leonard Hayflick – meinen hingegen, dass Altern schon im Erbgut der menschlichen Zellen festgelegt ist, da die Zahl der möglichen Zellteilungen, die zur Erneuerung des Gewebes nötig sind, von Anfang an feststeht. Nach einer bestimmten Anzahl von Teilungen (rund 50) ist Schluss, das Leben endet.

Nicht einig ist sich die Wissenschaft auch in der Frage, wann denn nun beim Menschen endgültig Schluss ist. Mit ungefähr 125 Jahren, sagen Forscher um Jan Vijg vom Albert Einstein College of Medicine in New York. Sie analysierten Geburts- und Sterbedaten aus mehr als 40 Ländern. Die Begründung: Zwar wurden die Menschen in den vergangenen Jahrzehnten im Schnitt immer älter, aber das maximale Lebensalter verschob sich ab den neunziger Jahren nicht mehr nach hinten. James Vaupel vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung widerspricht dem und verweist auf die Vergangenheit: „Vor 100 Jahren nahm man an, dass die durchschnittliche Lebenserwartung niemals 65 Jahre überschreiten werde. Als dann der Gegenbeweis sichtbar wurde, wurde die Grenze wieder und wieder nach oben verschoben.“ Eine Grenzverschiebung sei daher auch in Zukunft möglich.

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Die ältesten Menschen der Welt

Mit 85 Jahren begann sie zu fechten, im stolzen Alter von 100 Jahren fuhr sie noch Fahrrad. Um ihre Gesundheit hat sie sich nie groß gekümmert, auf Zigaretten wollte sie auch mit 117 noch nicht verzichten: Jeanne Calment, die älteste Frau der Welt. Sie wurde 1875 in Arles (Frankreich) geboren und starb ebendort 1997 mit 122 Jahren und 164 Tagen. Von keinem anderen Menschen ist ein derart hohes Alter dokumentiert. „Gott hat mich vergessen“, pflegte Calment zu sagen, wenn sie gefragt wurde, wie man ein so biblisches Alter erreichen könne.

Für Altersforscher sind Menschen wie Calment wichtig – genauso wie jene „Methusalems“, die in „blauen Zonen“ der Erde leben. So nennen Wissenschafter jene Gegenden, wo Menschen besonders alt werden: Bergdörfer auf Sardinien, ein Viertel in Okinawa (Japan), eine Adventistengemeinde im Städtchen Loma Linda in Kalifornien, die griechische Insel Ikaria und die Halbinsel Nicoya (Costa Rica).

Einen einzigen Geheimtipp für langes Leben hat noch niemand dort entdeckt. Aber der US-Publizist Dan Buettner reiste für die Zeitschrift „National Geographic“ mit einem Forschungsteam in alle „blauen Zonen“ und veröffentlichte anschließend eine Liste jener Faktoren, die er überall vorfand. Die Alten in allen Zonen bewegen sich viel. Sie gehen dafür aber nicht ins Fitnessstudio, sondern bauen Bewegung natürlich in den Tagesablauf ein. Sie gönnen sich zudem immer wieder Pausen und leben im Familienverband, rauchen und trinken maßvoll. Eine wichtige Rolle spielt die Ernährung: viel Gemüse, Nüsse, Samen, Tofu, kaum Fleisch – und von allem nicht zu viel. In Okinawa geben die Hochbetagten ihre Mahlzeiten extra in kleine Schüsseln, um sich nicht zu „überfressen“, und hören zu essen auf, bevor sie satt sind.


Birgit Baumann

September 2018


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Kommentar

wie_altern_voelpl.png „Der merkliche Abbauprozess im menschlichen Körper beginnt ab 40 Jahren. Ab diesem Zeitpunkt regeneriert man sich nicht mehr so schnell wie in jüngeren Jahren. Aber jeder kann mit gesunder Ernährung,Bewegung und geistiger Aktivität gegen das Altern steuern.“

Univ.-Prof. Dr. Sven Voelpel

Altersforscher an der Jacobs University Bremen



Bilder: shutterstock, privat

Zuletzt aktualisiert am 05. September 2018